WDR einslive hat mich zu einem Interview im Rahmen eines Programms zu “Meinungsvielfalt und Dialog” zum Thema Prostitution eingeladen - und es entpuppte sich als nicht konsensuelle Reality Show. Vor laufender Kamera sollte ich auf eine Prostitutionsgegnerin treffen - ohne Vorbereitung. Das fand ich zum Kotzen.

Im Setting traf ich dann auf Klara, eine (gefühlt) blutjunge FEMEN Aktivistin und Abolotionistin (Prostitutionsgegnerin). Ich habe 10 Minuten vor Sendungsbeginn erfahren, dass ich auf eine Person mit "anderer Meinung" treffen werde - unvorbereitet. So sieht "Meinungsvielfalt" bei einem Öffentlich Rechtlichen Sender also aus. Erst hinterher fand ich heraus, um was für ein Bauernfänger-Format es sich handelt: in "Ausgepackt" werden immer zwei Menschen mit unterschiedlicher Meinung unwissend aufeinander losgelassen. Wie im Zirkus gruselt und amüsiert sich das Publikum. Zusammengeschnitten wird ein 4-5 minutges Video, das keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem betreffenden Thema zulässt, Argumente verkürzt und die Beteiligten vorführt. Einschaltquoten Juchheee!

 

Ich habe danach einen bitterbösen Brief an den WDR geschrieben und habe die Sendegenehmigung nicht erteilt.

 

Ich habe der Veröffentlichung jetzt zugestimmt, weil mir das Video vorher gezeigt wurde und mit 18 Minuten eine tatsächliche Diskussion und ein Meinungsaustausch nachvollziehbar macht. Ausserdem gibt es einen begleitenden Podcast, in dem meine Kritik aufgegriffen wird.


Dieser Podcast ist überraschend gut geworden, und Stefanie, meine betreuende Redakteurin, die ich im Brief etwas zusammengefaltet hatte, äussert sich hier differenziert, wesentlich informierter und bedacht. Immer noch fragwürdig: wie wir, die wir hier alsRohmaterial für die Einschaltquoten verheizt wurden, ausgewertet und analysiert werden. Dass ich hier einen meiner kostbaren Tage verscherbelt habe, dafür, dass die jetzt darüber urteilen, wer von uns angespannter war und die besseren Argumente hatte, kann man im Ergebnis auch scheusslich finden.

 



Mein Verhältnis zu den Medien, gerade leider auch zu den Öffentlich Rechtlichen, ist für jetzt dem Nullpunkt. Bin nachhaltig abgelöscht. Heilung ist aber mein Beruf, also: möge ich mich regenerieren und nicht aufhören, öffentlich zu sprechen.


Und möge dieses Gespräch zu Nachdenken geführt haben. 217.000 Aufrufe so far. Das würde ich mal Reichweite nennen. Die anschliessenden Kommentare in vergleichsweise erstaunlich guter Resonanz und auf (wir sprechen hier von den Relationen zu sonstigen online Kommentaren) auf annehmbaren Niveau.

“Gefesselt und ein bisschen erleuchtet” beschreibt Stefanie Vollmann den Nachhall der Diskussion. Klingt ganz wie ein Motto eines meiner Workshops.

 

Ps: Dass ich soviel Verständnis für eine Abolotionstin hätte, ist im Podcast nicht ganz richtig dargestellt. Ich hatte einfach damit zu tun, meine Fassung zu wahren.

PPS: es gibt inhaltlich noch so vieles hinzuzufügen. Da ich nicht vorbereitet war, hatte ich manche Fakten, Daten und Argumente nicht sofort verfügbar und kämpfe nun mit der Umvollständigkeit, dem Gefühl, versagt zu haben. Unwidersprochen stehenzulassen, dass das Schwedische Modell “den Freier, nicht die Frau” kriminalisiere, ist ein grobes Versäumnis meinerseits. Natürlich sind Sexarbeiter*innen in Schweden kriminalisiert!


Ich war einfach nicht gewappnet , “Ninja”mässig die alternativen Fakten der Abolotionist*innen abzuwehren.
Am meisten schmerzt es mich jedoch, dass meine Replik auf Klaras Argument, mit dem Schwedischen Modell würden dann nur noch “die einheimischen Prostituierten am Markt sein”, und der Schwemme der migrantischen Sexarbeiterinnenwürde endlich Einhalt geboten, als neoliberales, fremdenfeindliches und ebenfalls rassistisches Argument zu demaskieren, herausgeschnitten wurde. Das ist nämlich der Kern dieses “Retter”Diskurses, in Wahrheit, und zeigte sich hier in seine ungeschminkten Form!

 

Aber vielleicht war die Absurdität dieses Statements auch selbsterklärend.
Und wie jemand nicht begreifen kann, dass Sprachkurse der direkteste Weg in eine wie auch immer geartete Freiheit in einem Land sein kann, in dem man Fuss fassen will, ist mir ein Rätsel. Das als “Luxusproblem” hinzustellen beweist komplette Realitätsferne.


Wer ausführliche Informationen über alle gängigen Klischees und Mythen über Sexarbeit braucht, empfehle ich “Mein Hurenmanifest” von Undine de Rivière und auch die Website des BesD, BesD - Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen.